Geschönt

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Liebe zur Schönheit ist Geschmack. Das Schaffen von Schönheit ist Kunst.
Ralph Waldo Emerson


Vor einem liegt einer dieser Hochglanzbildbände im Großformat, eine Hommage an die Ästethik der 60er Jahre. Einer der Sorte die man so schnell nicht wieder aus der Hand legt, weil die Bilder so bestechend schön sind. Man blättert durch Abbildungen von moderner Architektur, maßgeschneiderten Anzügen, polierten Automobilen, Frauen in Abendkleidung und akurat gesetzten Hochsteckfrisuren. Bilder von Möbeln, Alltagsgegenständen, von perfektem Makup und inszenierten Landschaften. Selbst ein etwas aus der Reihe tretendes Bild von einer Leiche im Schnee ist so schön fotografiert, dass es nicht Fehl am Platz wirkt.

Erst nach mehrmaligen hin und her blättern sieht man sich auch mal den Text an. Hochglanzbildbände haben meist immer auch Text, der aber häufig zum größten Teil aus Quellennachweisen besteht, und den kaum jemand bewußt liest. Hier ist es anders, man findet die Geschichte eines Menschen dessen langjähriger Lebenspartner bei einem Unfall verstorben ist. Die Geschichte will auf den ersten Blick nicht so sehr zu den schönen Bildern passen, erzählt sie doch von Trauer und Schmerz, von Ängsten und von Einsamkeit.

Es ist die Geschichte eines einzigen Tages im Leben des Literaturprofessors George Falconer (Colin Firth). Vor acht Monaten verlor er seinen langjährigen Partner, und seit dem scheint sein Leben still zu stehen. Nach Außen ist alles geordnet und akurat, im Innern scheint er aber nur noch von der Erinnerung zu leben, versunken in tiefem Schmerz und Trauer.

Man liest die Geschichte und sieht sich die Bilder ein weiteres Mal an. Plötzlich entdeckt man hinter jeder exakt gesetzten Bügelfalte und dem perfekt gemalten Lidstrich die Makel. Die Bilder bleiben weiterhin schön, aber diese Schönheit trägt einen Schleier aus Schmerz und Einsamkeit. Man kann den Bildband nicht weglegen, zu wiedersprüchlich erscheinen Ästhetik und Schmerz und dennoch macht genau dieser Gegensatz die Faszination aus.

Tom Fords Regiedebut A Single Man ist ein beachtliches Kinoerlebnis. Ein Genuß an hervorragender Schauspielkunst von Colin Firth und Julianne Moore, ein Genuß an Ästethik und ein Genuß an Fotografie und Erzählkunst. Bis auf geringe Kleinigkeiten stimmt hier jeder Bestandteil. Teilweise für manchen Kritiker zu perfekt inszeniert und dabei künstlich wirkend, macht für mich genau dieser Aspekt den Reiz dieses Films aus. So ein bisschen wie die Schönheit eines Vulkanausbruchs die so faszinierend ist, dass man die Bedrohung kaum noch wahrnehmen kann.

Ford trifft genau meine Nerv: Ein Film der beinahe schon den Charakter eines Kunstwerks besitzt, jedoch nicht zu entrückt ist um noch unterhaltend zu sein. Ich werde diesen Bildband vermutlich noch häufiger zur Hand nehmen um darin zu blättern und noch mehr zu entdecken.

[imdb]1315981[/imdb]

2 Gedanken zu „Geschönt&8220;

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