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geiss

Ein schlechter Journalist ist noch kein Philosoph.
Kurt Tucholsky

Die Olympischen Spiele nähern sich bereits wieder Ihrem Ende. Die geballte Sportberichterstattung hat bei mir die Frage hervorgerufen, ob es mit dem Journalismus wirklich so dermaßen den Bach runter geht, oder ob ich einfach nur eine verklärte Erinnerung an die Qualität früherer Berichterstattung habe. Sicher ist der Sportjournalismus nicht gerade das ideale Beispiel für eine Gesamtbetrachtung des Berufstandes, aber wer sich in den letzten zwei Wochen die Übertragungen aus Vancouver von ARD und ZDF angeschaut hat, dem durfte teilweise schon Bedenken gekommen sein.

Es kommt nicht von Ungefähr, dass der Begriff Journalist immer mehr durch das Wort Moderator ersetzt wird, wenn man sich die Selbstdarstellergruppe im Ersten und Zweiten angeschaut hat. Mit Berichterstattung hat es fast nichts mehr zu tun, das ist reine Show um der Show willen. Die Moderatoren nehmen sich fast wichtiger als die Athleten, biedern sich Kumpelhaft an und versuchen krampfhaft locker und witzig zu sein. Gutes Beispiel war der Montag im Ersten, als der Studiomoderator Michael Antwerpes anscheinend Geburtstag hatte. So genau war das nicht klar, da es nur ungefähr alle zehn Minuten angesprochen wurde.

Fachwissen wurde sich gar nicht erst angeeignet, denn man hatte ja glücklicherweise immer einen “Experten” zur Hand, der vornehmlich aus ehemals erfolgreichen Athleten rekrutiert wurde und glücklicherweise kaum gefragt wurde wie es denn damals war. Wurde dann alleine moderiert, bekam der Zuschauer sehr wichtige Hinweise geliefert. Fast immer wurde ein entfernter Verwandter oder enger Freund des gerade startenden Olympioniken erwähnt, der in diesem Moment “ganz sicher” zu Hause in Deutschland vor dem Fernsehen mitfiebert.
Ich weiß nun auch, dass den Sportlern während des Wettkampfs isotonische Getränke oder Tee gereicht wird, ging ich doch immer von Fanta Orange aus. Und ich bin weiterhin begeistert, dass es Silber, Gold oder noch mehr werden könnte, was die betroffene Athletin jetzt mit Sicherheit wahrscheinlich eventuell gewinnen könnte.

Absoluter Höhepunkt war die Aussenmoderatorin des ZDF an der Rodelbahn, die zettelablesend ein investigatives Interview mit einem Funktionär über den Zustand der Rodelanlage führte. Eine Glanzleistung dort jemand zu einem außergewöhnlichen Ereignis hinzustellen, der vorher anscheinend noch nie ein Mikrofon in der Hand gehalten hat und vom Rodelsport ungefähr so wenig Ahnung hatte wie ein Pinguin vom Fliegen.

Besonders auffällig wird die Qualität der Berichterstattung, wenn man sie mit ausländischen Reportagen vergleicht. Während nämlich im deutschen Fernsehen durchgehend ein Bild von fröhlichen, ausgelassenen und gut organisierten Spielen gezeichnet wurde, und man sich gerne selbst feierte, so wurde im Ausland ein recht kritisches Bild gezeigt. Potential für kritische und journalistisch hochwertige Berichterstattung hat es nämlich durchaus gegeben. Die Spiele waren nämlich weit entfernt davon gut geplant worden zu sein. Aus allen Verbänden hagelte es Kritik und in fast keiner Sportart lief es reibungslos. Statt sich aber mal ein wenig intensiver mit defekten Eismaschinen, fehlkonstruierten Sportstätten oder überforderten Kampfrichtern zu beschäftigen, wurde dies im deutschen Fernsehen in Nebensätzen abgehandelt um sich lieber kumpelhaft duzend mit den Athleten über niedliche Plüschbiber zu unterhalten.

Ich musste während der zwei Wochen immer wieder an die Sendung ZDF-Sportspiegel denken. Das war noch Qualitätsjournalismus im Bereich Sport. Davon ist man jedoch so weit entfernt wie es nur gehen kann. Der Großteil der eingesetzten Moderatoren hat das wichtigste in ihrem Geschäft verlernt, bzw. nie gelernt: Journalismus ist Information und dient nicht der Unterhaltung. Es darf zwar unterhaltend sein, aber dies ist nicht der Primärzweck. Für die Unterhaltung haben die Sportler zu sorgen nicht die Journalisten. Und das wichtigste Handwerk des Journalisten ist Recherche.

Es tut mir leid ARD und ZDF, aber was ihr in Vancouver geleistet habt ist nicht Olympiareif. Nehmt unsere Gebühren und benutzt sie für eine vernünftige journalistische Ausbildung. Die Hofnarren spielen uns bereits eure Kollegen von den Privaten, dafür gebe ich meine Gebühr nicht her.

gogold

Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine,
kürzt die öde Zeit,
und er schützt uns durch Vereine
vor der Einsamkeit.
Joachim Ringelnatz

Spektakel, Spektakel, Spektakel – ich liebe ja Spektakel. Und Olympia gehört zweifelsohne zu einem der Größten. Deshalb kommt es nicht so überraschend, dass ich die nächsten zwei Wochen vermutlich noch weniger vor die Tür gehen werde, als dieses Wetter eh schon verhindert.

Es wird geguckt was das Fernsehen hergibt. Und ab sofort auch in HD, was die Sache gleich noch schöner macht.
Allerdings bin ich in den Winterdisziplinen nicht mehr so der Experte, aber das wird sich selbstverständlich schnell ändern. Um mein Defizit auszugleichen gibt es schließlich genügend Informationsmaterial im Netz und Fernsehen. Die ersten Spiele mit intensiver Twitternutzung, auch dies wird vermutlich sehr spannend.

Und es gibt eine Empfehlung von mir: Wer einen neuen Blog entdecken will, der sich mit Liebe und Begeisterung der Spiele widmet, der schaue doch regelmäßig bei Herrn Lutz vorbei. Sehr gut geschrieben, außergewöhnlich hohes Sportwissen und viel zu Schade um unentdeckt zu bleiben.

Da ja momentan soviel über den oder die milden Winter geschimpft wird: Heute vor 80 Jahren fanden in St. Moritz die zweiten Olympischen Winterspiele statt, und am 15. Februar mussten alle Wettkämpfe wegen Regens abgesagt werden. Ich zitiere das Olympia-Lexikon:

Der 15. Februar fiel wegen strömenden Regens als Wettkampftag völlig aus. Regen im Februar im Engadin, das hatte es seit Menschengedenken nicht gegeben.

Die Nachrichten über den milden Winter 1928 fand ich, weil heute vor 80 Jahren in Zabrze (dem damaligen Hindenburg) mein Vater geboren wurde.
Alles Liebe und Gute zum Geburtstag Papa!

Und auch ein paar Glückwünsche nach Stuttgart zu M. der heute immerhin 45 Jahre alt wird.