günstler

Fremde Sprachen sind schön, wenn man sie nicht versteht.
Kurt Tucholsky

Kleiner Sprung zum 4900. Geburtstag, bzw. zur 700. Woche.
29. April 1985
Diesmal keine Ferien, also zu dem Zeitpunkt definitiv zu Hause im Kölner Norden. Ich bin in der 7. Klasse, also bereits im 3. Jahr auf dem Gymnasium. Ein guter Anlass mal zu einem Thema zu schreiben welches mich immer wieder irritiert: Die Schulbildung in Deutschland.

Ich finde es erstaunlich, dass selbst bis in die heutige Zeit, also knapp zwanzig Jahre nach meinem Abitur, ich mich immer wieder in der Situation befinde das NRW-Abitur bzw. die gesamte Schulbildung in NRW zu verteidigen.
Besonders Menschen aus den beiden südlichen Bundesländern legen es gerne darauf an zu betonen, dass ihre Schulbildung ja so viel besser sei, dass man in NRW das Abitur nachgeschmissen bekäme, und dass das Bildungsniveau generell tiefer wäre. Das geht sogar bis in politischen Ebenen.

46169

Es mag ja sein, dass es entsprechende Studien darüber geben mag die dies bestätigen, aber es stellt sich die Frage in wie fern so etwas überhaupt messbar ist. All diese Studien wie PISA oder ähnliche geartete Umfragen oder Tests begehen meiner Meinung nach einen Fehler: Sie beschränken sich auf ein festgelegtes Wissenspektrum und lassen soziale Fähigkeiten außen vor. Eine Schule hat aber eine größere Aufgabe als nur ein Pensum an fest definierten, auswendig zu lernendem, Lexikonwissen einzuprügeln. “Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir” hieß es schon früher. Davon ist kaum noch was zu merken, die heutigen Schüler lernen nicht für sich, sondern für die Kultusministerien damit sie in den verschiedenen Studien gut abschneiden. Die Frage nach den Schülern stellt sich kaum noch jemand.
Was nutzt z.B. eine hohe Anzahl von angebliche hochqualifizierten Schulabgängern, denen jegliche soziale Kompetenz oder der Sinn fürs Gemeinschaftswesen fehlt? Wissen nutzt doch nur etwas, wenn man auch die Intelligenz besitzt das erlernte Wissen in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.

Dazu kommt noch, dass diese Studien den Schwerpunkt stark auf den Naturwissenschaftlichen Bereich legen – jedenfalls fällt es mir immer wieder auf, wie sehr sich die deutschen “Südländer” mit ihrer ach so tollen Schulbildung brüsten, um dann deutliche Defizite in den Geisteswissenschaften zu zeigen.

Einen Menschen anhand von angeblich messbarer Bildung zu bewerten ist ein schleichendes Gift für unsere Gesellschaft. Diese Ranglistenmentalität ist Grundlage vieler unsere Probleme.

Statt Bundesländer und Schulsysteme in Wettstreit miteinander treten zu lassen, sollten wir alle erst einmal lernen alle Bildungswege gleich wertzuschätzen. Ein Hauptschüler ist genauso viel Wert wie ein Gymnasiast, und der Schultyp oder das Bundesland sagt weder etwas über die Intelligenz noch über den Menschen aus.
Wenn wir dies gelernt haben, dann bleiben uns evtl. auch so unsägliche Debatten erspart wie sie unser derzeitiger Außenminister immer wieder anstachelt.